Der Papst und das "Wunder der Wende"

18.09.2009 | München
Über den Einfluss Johannes Pauls II. an der Öffnung des Eisernen Vorhangs

Am 9. November jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum zwanzigsten Mal. Viele Gedächtnisveranstaltungen werden diesem wohl wichtigsten Ereignis der jüngeren deutschen Geschichte gewidmet.

Die Öffnung der Berliner Mauer beschleunigte den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa. Schon zu Beginn seines Pontifikats forderte der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II.: "Öffnet, reißt die Tore auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten!" Er wandte sich damit an die Katholiken in Osteuropa und forderte sie quasi zum gewaltlosen Widerstand auf.

Über den Einfluss von Papst Johannes Paul II. an der Öffnung des Eisernen Vorhangs sprachen wir mit dem Osteuropa-Experten Dr. Gerd Stricker. Das Gespräch führte KIRCHE-IN-NOT-Mitarbeiter Volker Niggewöhner.

KIRCHE IN NOT: Herr Stricker, kann man den Fall des Eisernen Vorhangs überhaupt als "Wunder" bezeichnen, war es nicht ein "normaler politischer Vorgang"?

DR. GERD STRICKER: Nein, auch für mich war das in der Tat ein Wunder. An sich war der Kollaps der Sowjetunion und des gesamten kommunistischen Blocks schon seit etwa 1980 immer wieder vorausgesagt worden. Es funktionierte schließlich nichts mehr: die Wirtschaft war kaputt; die sozialistische Moral ließ zu wünschen übrig.

Trotzdem überlebten die kommunistischen Regimes bis 1989 alle Krisen. Je schlechter es ihnen ging, desto mehr wurden die Menschen geknechtet und ausgebeutet. Das schien immer weiter zu funktionieren. Auch viele westeuropäischen Politiker glaubten an ein Weiterleben des Kommunismus und gaben sich in Moskau die Klinke in die Hand.

Den tatsächlichen Zusammenbruch des Kommunismus kann man also auch zwanzig Jahre nach der "Wende" nicht anders als mit dem Begriff "Wunder" bezeichnen.

Ein Stück der Berliner Mauer an der East Side Gallery.

Als wie wichtig schätzen Sie die Rolle von Papst Johannes Paul II. beim Zerfall der Sowjetunion ein?

Dass er einen entscheidenden Anteil am Zusammenbruch des Kommunismus hatte, wird von keinem Historiker bestritten. Es geht lediglich um die Frage, worin diese Mitwirkung bestanden hat. Das Wirken des Papstes hat den Kollaps des Regimes in Polen unbestritten mitausgelöst.

Den restlichen Ostblock betreffend muss man sagen, dass Johannes Paul II. zwar die katholischen Kirchen gestärkt hat, aber mit Ausnahme von Polen, Litauen und Ungarn waren diese rein zahlenmäßig zu schwach, als dass sie wesentlich zum Zusammenbruch der kommunistischen Regime hätten beitragen können.

Durch seine Autorität und seinen beharrlichen Einsatz für Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit hat der Papst im Dialog mit den kommunistischen Funktionären entscheidend zum Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa beigetragen.

Persönliche Erfahrungen mit Diktaturen

Hängt sein energisches Handeln gegen den Kommunismus mit seinen Erfahrungen zur Zeit des Nationalsozialismus zusammen?

Mit Sicherheit. Karol Wojtyla war im von Deutschen besetzten Polen im kirchlichen Untergrund tätig gewesen. Während der Nazizeit schuftete er in einem Bergwerk und in einer Chemiefabrik, um so der Deportation als Fremdarbeiter nach Deutschland zu entgehen.

Er hatte am eigenen Leib erfahren, wie menschenverachtend Diktaturen sind: alles hat der Ideologie zu dienen, selbst wenn die Menschen dabei zugrunde gehen. Der Kommunismus musste Karol Wojtyla besonders widerwärtig sein, weil die Entchristlichung im Zentrum dieser Ideologie stand.

Wie haben die sowjetischen Machthaber damals auf die Wahl Wojtylas reagiert?

Sie sprangen gleichsam im Dreieck vor Zorn. Der Kalte Krieg und das Wettrüsten von Sowjetunion und NATO waren auf dem Höhepunkt angelangt. Parteichef in Moskau war damals Leonid Breschnjew, ein Apparatschik, wie er im Buche stand. Moskau befürchtete als Folge der Papstwahl innere Erschütterungen in Polen und damit eine Destabilisierung des sozialistischen Lagers an der wichtigen polnischen Flanke.

Kardinal Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., vor einer Kirchenbaustelle.

Die ersten Worte des Pontifikats von Johannes Paul II. waren deutlich: "Habt keine Angst! Öffnet, reißt die Tore auf für Christus! Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme für seine rettende Macht!" Wurden diese Worte zunächst unterschätzt?

Unterschätzt wurden sie vielleicht im Westen, in Osteuropa aber nicht. Die Menschen dort horchten auf. Das waren neue, starke Töne, die man aus dem Vatikan so noch nie gehört hatte. Von Rom waren bisher meist nur vorsichtige diplomatische Botschaften ausgegangen.

Die päpstliche Diplomatie war Jahrzehnte lang bestrebt gewesen, zur Führung der Sowjetunion und anderer Ostblockstaaten gute Beziehungen herzustellen, um so die Existenzbedingungen der katholischen Gläubigen zu verbessern. Ein großer Teil der Bemühungen der päpstlichen Diplomatie hatte sich vor Johannes Paul II. vor allem darum bemüht, gute Beziehungen zur Orthodoxie herzustellen und zu pflegen.

Vor diesem Hintergrund waren diese markanten Worte des neuen Papstes wirklich "starker Tobak". Er wandte sich direkt an die Katholiken im Ostblock und rief sie indirekt zum gewaltlosen Widerstand auf.

Was waren die ersten Amtshandlungen Johannes Pauls II. in Bezug auf die Länder hinter dem Eisernen Vorhang?

Er trat sofort mit den Kirchenleitungen und Regierungen in Osteuropa in Verbindung und pflegte ständigen Austausch mit seiner Heimatkirche. Nie suchte er die Konfrontation mit den kommunistischen Führern, immer war er auf den Dialog bedacht.

Seine kommunistischen Gesprächspartner spürten, dass der neue Papst die Taktiken der Kommunisten bestens kannte und sich kein X für ein U vormachen ließ. Ruhig, freundlich, aber unerbittlich beharrte er auf seinen Forderungen nach Glaubensfreiheit und Menschenrechten.

Papst Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Fatima im Jahr 2000.

Innerkirchlich waren schon recht bald Veränderungen zu bemerken: So wurden beispielsweise die Sendezeiten von Radio Vatikan für Osteuropa verlängert.

Der neue Papst führte auch intensive Gespräche mit Kardinal Josef Slipyj, dem Oberhaupt der griechisch-katholischen Untergrundkirche in der Ukraine, der in Rom im Exil lebte.

In Ungarn spürten die Katholiken den neuen Wind aus Rom. Papst Johannes Paul II. ernannte vier neue Bischöfe und isolierte den regimefreundlichen Primas Laszlo Lekai. Das hatte großen Einfluss auf die vielen bisher angepassten Priester in Ungarn. Überall unterstützte der Papst Reformkräfte, die seine Forderung nach einer inneren Erneuerung der Kirche aufgriffen.

Es war das Ziel kommunistischer Staaten, Kirchen aus der Öffentlichkeit und Religion aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein zu verdrängen. Warum ist das in Polen nach 1948 nicht gelungen?

Über 90 Prozent der polnischen Bevölkerung sind mit Leib und Seele katholisch. Je stärker der staatliche Druck wurde, desto intensiver hielten sie zu ihrer Kirche. Sie war das einzige, was zählte. Selbst polnische Parteifunktionäre und Staatsmänner dürften tief im Grunde ihres Herzens Katholiken geblieben sein.

Der kommunistische Staat wurde von den Menschen zwar gefürchtet, aber nicht geachtet - unter anderem auch deshalb, weil er die katholische Kirche bekämpfte. Gegen eine solche anti-kommunistische christliche Mauer hatte der Staat keine Chance.

Quelle: Pressemeldung KIRCHE IN NOT / Ostpriesterhilfe Deutschland e.V.

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